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Annas Wunsch

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Annas Wunsch

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Annas Wunsch

Mondo Verlag ausgewählt von Brigitte Weninger

Viele Jahre schon hatte es nicht mehr geschneit. wenn die letzten Blätter von den Bäumen verschwanden und der stürmische Herbstwind zu einem kühlen Flüstern wurde, legte sich der Nebel auf der Stadt wie ein graues Tuch. Mit der Zeit wurden selbst die Gesichter der Leute grau und sie vergassen, wie es gewesen war, als der Schnee noch jeden Winter ihre Stadt verzaubert hatte....

Eines Tages jedoch geschah etwas Seltsames. Es begann damit, dass ein kleines Mädchen mit seiner Mutter durch die Strassen spazierte. Anna hiess es. Vor dem weihnachtlich geschmückten Bäckerladen spürte Anna plötzlich etwas unbeschreiblich Feines, Kühles auf ihrer Wange. Bevor sie es richtig wahrgenommen hatte, war es wieder verschwunden. Eine Woche später passierte es erneut. Anna war gerade an der Bäckerei vorbeigelaufen, als etwas unbeschreiblich Feines, Kühles ihre Wange berührte. Etwas, was sich so leicht anfühlte wie ein Schmetterlingskuss.

Verdutzt blieb sie stehen. Sie schaute sich um, ob ihr jemand einen Streich spielte: ein Schulkamerad oder so. Da fiel ihr im Schaufenster ein schneeweisses Holzpferdchen auf. Seine Mähne war borstig. eines seiner dürren Beine war abgebrochen. Seine Augen aber funkelten. Und selbst der Puderzucker auf den Kuchen glitzerte geheimnisvoll. Eine richtige Winterlandschaft.

"Wie ist Schnee, Mama?" fragte Anna. Die Mutter stellte ihre Einkaufstasche auf den Boden. Es war lange her, dass sie Schnee gesehen hatte. Nicht nur gesehen: auch geschmeckt und gefühlt. Sie war damals ein kleines Mädchen gewesen wie Anna.

"Schnee ist - weiss und kalt", antwortete sie zögernd.
"Wie noch?"
"Schneeflocken sehen aus wie Sterne. Keine ist gleich wie die andere. Manche von ihnen sind hauchdünn, manche dick und pappig. Fängst du sie mit der Zunge auf, zergehen sie wie Erbeereis."
"Weiter. Erzähl weiter!", bettelte Anna.
"Oh Schnee ist wunderbar", strahlte jetzt die Mutter. "Früher sind wir ganze Nachmittage draussen herumgetollt. Wir haben Schneemänner mit runden Bäuchen und Rübennasen gebaut, haben Schneebälle geworfen oder uns in Schneehöhlen versteckt. Wenn es sehr kalt war und der Weiher am Stadtrand gefroren, sind wir auf ihm Schlittschuh gelaufen. Das war ein Spass."

Eine Weile war es still.
Dann sagte Anna: "Wenn es doch nur wieder einmal schneien würde." In dieser Nacht träumte Anna, sie wäre eine Schneeflocke, die sich auf die Erde schaukelt. Ungeduldig trappelte sie am Morgen ans Fenster. doch es schneite nicht. Die Stadt war grau wie stets. Enttäuscht rannte Anna zum Bäckerladen. Da stand das weisse Holzpferdchen. Es schien auf sie zu warten. Lange schaute Anna in seine funkelnden Augen. Dabei wünschte sie sich, dass es schneite. Immer und immer wieder wünschte sie es sich. Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich etwas so sehr gewünscht.

Winzigen Sternen gleich schwebten ihre Wünsche hoch zum Rand des Himmels, wo sie zu Eiskristallen gefroren. Und dann fielen sie wieder. Sie fielen sacht. Sie hatten keine Eile. Sie schaukelten. Sie wiegten sich. Ständig wurden es mehr. Hunderte. Tausende. Hunderttausende. Anna vermochte sie längst nicht mehr zu zählen. Sie fielen nieder auf die Stadt, deckten Häuser, Strassen, Bäume und Büsche zu. Bald schon hörte man das Kratzen der Schaufeln vor den Hauseingängen. Die Menschen freuten sich. Und in einem schmalen Garten rollte ein Kind einen Schneeball zu einem wunderschönen Schneemännerbauch. Endlich zogen die Wolken weiter. Anna stand müde vor der Bäckerei. Holzpferdchen war verschwunden. Auf den Puderzuckerweissen Kuchen aber lag noch immer ein geheimnisvoller Glanz.

Anna zog ihre Mütze tief über die Ohren. Sie wollte gerade nach Hause gehen, da berührte etwas unbeschreiblich Feines, Kühles ihre Wange. Und durch die verschneiten Strassen tanzte ein helles Lachen.

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